Ostern 2006 begann ich mit dem Bau meiner neuen Modellbahnanlage. Die
Überlegungen und Planungen hierzu begannen aber schon viel früher.
Die
wichtigste Entscheidung beim Bau einer jeden Anlage ist die Festlegung des
Anlagenthemas. Somit suchte ich jahrelang nach einem solchen. Bei Anlagen, die
in Zeitschriften vorgestellt wurden oder die ich in natura sah, überlegte ich,
was mir daran gefiel und was nicht, und auch, was mir persönlich realisierbar
erschien. Oft störte ich mich an einem mit Gleisen überladenen Layout oder
einer mit Kompromissen behafteten Gleisführung, aufgrund dessen das Modell
nicht dem Vorbild entspricht und damit unglaubhaft wirkt. Auch eine alpine
Topografie mit steilen Bergen und vielen Tunnelportalen, wie man sie oft findet,
kam für mich nicht in Frage. Ich bevorzuge da eher die "gemäßigte"
Variante, also eine Landschaft, wie man sie in Mittel- und Süddeutschland
findet . Mit der Zeit kristallisierten sich zwei Dinge heraus, die mir wichtig
sind: Es darf keine Plattenanlage sein, und sowohl der
Betrieb als auch die Landschaft soll sich am Vorbild orientieren.

Den ersten Schritt in die richtige Richtung verdanke ich dem Buch "Die Märklin- Bahn
H0 und ihr großes Vorbild" (Artikelnummer 753/2), das ich irgendwann
einmal eher aus einer Laune heraus auf
einer Modellbahnbörse aufgrund seines für die 50er-Jahre typischen
Illustrationsstils gekauft habe. Das Kapitel A II. dieses Buches beschäftigt
sich ausführlich mit Bahnhofsanlagen. Nach dessen Studium war mir klar, was ich
wollte: Mittelpunkt der Anlage soll der Bahnhof einer mittelgroßen Stadt
sein. Dies ermöglicht verschiedene Spielmöglichkeiten: Es gibt Züge,
die am Bahnhof anhalten und solche, die Durchfahren, und das sowohl als
Personen- als auch als Güterzug. Was will man mehr? Was mir jetzt noch
fehlte war ein konkreter Gleisplan. |
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Zunächst versuchte ich, anhand der zu Hause vorrätigen Literatur und dem
o.g. Buch, selbst eine Bahnhofsanlage zu konstruieren, die dem echten Bahnleben
entspricht, längeren Zügen Platz bietet und durch vielfältige Zug- und
Rangierfahrten Abwechslung beim Spielen garantiert. Kurz und gut: Es gelang mir
nicht, diese selbst gesetzten hohen Ansprüche mit einem der eigenen Fantasie
entsprungenen Plan zur eigenen Zufriedenheit zu erstellen.
Dann bewahrheitete sich Goethes "Warum in die Ferne schweifen, wenn das
Gute liegt so nah?". Ich schaute mir unseren Winnender Bahnhof, den man so
oft benutzt und eigentlich doch nicht so richtig wahrnimmt, einmal gründlich
an, um am "lebenden Objekt" Erfahrungen zu sammeln. Vielleicht sollte
ich dazu sagen, dass ich erst seit 1994 in Winnenden arbeite und seit 1995 hier
wohne, so dass ich den Bahnhof nur als S-Bahn-Station und Haltepunkt für
Regionalexpresszüge kennen gelernt habe. Bei meinen Exkursion rund um das
Bahnhofsgelände entdeckte ich dann aber schnell, dass hier früher mehr los
gewesen sein musste: Da gibt es neben den beiden Durchgangsgleisen 2 und 3 und
dem Gleis 1 am Bahnhofsgebäude noch ein viertes Gleis, dass von der Natur
zugewuchert ist. Hier entdeckte ich eine Gleiswaage mit Wiegehäuschen. Nach und
nach kamen viele Sachen zum Vorschein bzw. ins Bewusstsein, an denen man als
normaler Fahrgast achtlos vorbeigeht oder an zu denen man gar nicht hinkommt,
weil sie abseits liegen, als da wären: Ein Industriegleisanschluss, Laderampen
und Kohlebunker für das ortsansässige Dachziegelwerk, eine Trafoverladung,
eine Freiladerampe, Freiladegleise, Güterschuppen mit Gleisladerampe,
einige Abstell- und Rangiergleise, Gleiswechselstellen vor und nach dem Bahnhof
und viele Kleinigkeiten wie Fernsprecher und Fernsprechbuden, Signale und so
weiter.
Jetzt wusste ich, dass ich bei der Suche nach dem Anlagenthema und einem
konkreten Plan fündig geworden war: Warum nicht einfach diesen Bahnhof
Winnenden, der viel interessanter ist und viel mehr zu erzählen hat, als es auf
den ersten Blick scheint, einfach nachbauen?
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